Dilan Tas

(Auszug)

Dich zu treffen war wie diese seltenen Sonnenstrahlen zu Beginn eines kurzen Frühsommers im November. Ein lang ersehntes Gefühl das schnell wieder erlosch. Blätter wirbelten im Wind. Der Hebst kam unerwartet. Eine Furcht überkam mich, als ich daran dachte, dass dies die letzten Sonnenstrahlen in diesem Jahr waren. Farblos und lautlos. In gegenseitiger Erregung tanzten die Blätter vom Baum zu Baum und die Überlebenden unter ihnen schlugen sich für eine kurze Unendlichkeit mit dem Wind durch, in den Alleinbesitz des Sonnenlichtes, wie namenlose Vögel. Einige fielen auf dem Boden, in dem Moment, wo sie nach dem kurzen Rausch aufwachten, bewusst, dass sie eigentlich keine Flügel haben. Ein schrecklicher Wunsch stieg in mir hoch. Ich wollte den Sommer noch einmal erleben, als sei dies der Letzte. Aber eigentlich hasste ich den Sommer. Auf einer Straße mit toten Blättern, stand ich da, wie angewurzelt, streckte meine Hand aus und wartete darauf, dass dieser lächerlicher Wunsch in Erfüllung ging. Stattdessen fiel ein Blatt auf meine Hand. Es war so leer, zerfressen, kalt, und in einer Farbe angemalt, welcher der Erde ähnelte mit dem man Tote begrub. Meine Furcht dehnte sich darin, fließend in alle Richtungen. Du hattest mir versprochen, mich nicht fallen zu lassen. Man sagt, beim Tod eines fallenden Blattes kann es sich um die seit langem herbeigesehnten Trennung, Loslassen eines Baumes von sich selbst handeln, oder von einem Versprechen über seine natürliche Existenz, das er einst der Welt gab, falls das Versprechen existierte. Jedes Mal beim Tod eines fallenden Blattes löst ein Baum sein Versprechen ein, lautlos, ohne Rebellion, akzeptiert er sein Schicksal. Die Tötung eines Blattes erfolgt meist kurz und zufällig, kaum mehr oder weniger in einem Moment des Wimpern Zuckens. Ehe ich mich versah, flog das Blatt von meiner Hand weiter. Für einen Moment schien es so, als würde es sich wieder daran erinnern, dass es fliegen könne, aber dann landete es auf der Straße, wo auch seine zahlreichen Mitstreiter lagen. Als würde er sich selbst in den Tod stürzen. Ein Mann mit einem Rosenstrauß in der Hand, eilte von der anderen Straßenseite, in meine Richtung, Er sah sich nach links und rechts. Keine Autos. Nur zertrampelte Herbstblätter. Ohne deren Existenz wahrzunehmen, zertrat er sie mit hastigen Schritten und erreichte die Bushaltestelle in Sekunden. Für einen Moment dachte ich, ich konnte sie schreien hören, aber es war nur der Wind, der mir unverständliche Worte ins Ohr flüsterte.

Wie viel Anteil an Schmerz wohl im Prozess des langsamen Verrottens eines gefallenen Blattes steckt? Der Mann mit dem Rosenbukett blieb neben mir stehen. Wir warteten beide auf den Bus. Ich betrachtete die Rosen, ohne den Blick abzuwenden. Er bemerkte gar nicht, dass er beim Überqueren der Straße einige hatte fallen lassen. Die Rose, die du mir geschenkt hast, konnte auch nicht mehr gerettet werden. Sie war schon längst verfallen, bevor du gegangen bist. Ich betrachte sie manchmal, ohne sie zu berühren, aus Angst, dass sie bei einer kleinen Berührung zerfallen könnte. Der Bus verspätete sich und somit beschloss ich ein Stück zu Fuß weiter zu gehen. In kleinen Schritten tastete ich mich voran, den Blick nach unten gerichtet, als würden Tote unter mir liegen. Dabei erweckte ich lautlose Erinnerungen. Bilder aus einem kurzen Stummfilm. Ich halte die Rückspultaste gedrückt. Immer wieder dieselben Szenen. Ich mochte das Ende nicht. Dennoch spielte ich sie immer wieder, weil du darin vorkamst. Ich war kurz stehen geblieben, bevor ich überhaupt an der nächsten Haltestelle ankam, und verpasste auch den nächsten Bus. Ich blickte wütend hoch. Über mir Bäume. Nach zehn Minuten angekommen, stieg ich in ein Bus, ohne darauf zu achten in welche Richtung es fuhr. Die Bilder draußen verdunkelten sich. Laternenlichter brannten an und verschleierten die brutale Schlacht. Ich sah Blatt nach Blatt fallen, Autos nach Autos verschwinden, Menschen nach Menschen vorbei gehen. Dabei verspürte ich ein wahnsinniges Verlangen, diese qualvollen Gedanken laut aufzuschreien, aber ich stolperte wieder in das grenzenlose Schweigen und hörte die Stimme des Busfahrers wie er die nächste Haltestelle verkündete. Du sagtest, du würdest mich nicht vergessen.

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